Ältere Beschäftigte sind längst ein wichtiger Teil des Arbeitsmarktes
Die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich verändert.
Besonders sichtbar wird das bei den 60- bis 64-Jährigen: 2015 waren 53 Prozent dieser Altersgruppe erwerbstätig. Zehn Jahre später waren es bereits rund 68 Prozent. Auch nach dem 65. Lebensjahr arbeiten heute mehr Menschen als noch vor einigen Jahren.
Betrachtet man die gesamte Altersgruppe von 55 bis 64 Jahren, lag die Erwerbstätigenquote 2025 in Deutschland bei 75,3 Prozent – deutlich über dem EU-Durchschnitt von 66,4 Prozent.
Ältere Beschäftigte sind damit keine kleine Randgruppe des Arbeitsmarktes. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil davon.
Und ihre Bedeutung dürfte weiter wachsen.
Erfahrung lässt sich nicht beschleunigen
In Diskussionen über die Zukunft der Arbeit stehen häufig neue Technologien, neue Fähigkeiten und junge Talente im Mittelpunkt.
Dabei gibt es Kompetenzen, die sich nicht innerhalb weniger Wochen erlernen lassen.
Wer viele Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, kennt beispielsweise typische Probleme und weiß häufig schon früh, wo Schwierigkeiten entstehen könnten. Arbeitsabläufe sind vertraut, Situationen können besser eingeschätzt und Entscheidungen auf Grundlage vieler unterschiedlicher Erfahrungen getroffen werden.
Das gilt in der Produktion genauso wie im Lager, im Handwerk oder im Büro.
Erfahrung bedeutet dabei nicht, immer alles besser zu wissen.
Sie bedeutet vielmehr, auf einen großen persönlichen Wissensschatz zurückgreifen zu können.
Und dieser Wissensschatz kann für ein Team enorm wertvoll sein.
Gleichzeitig braucht Erfahrung neue Perspektiven
Altersgemischte Teams funktionieren allerdings nicht deshalb gut, weil ältere Beschäftigte automatisch mehr wissen und jüngere automatisch innovativer sind.
Solche Zuschreibungen wären selbst wieder Vorurteile.
Der eigentliche Vorteil liegt darin, dass Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Perspektiven zusammenarbeiten.
Eine Person bringt vielleicht jahrzehntelange Branchenkenntnis mit. Eine andere hat gerade eine Ausbildung abgeschlossen und kennt aktuelle Methoden besonders gut. Wieder jemand anderes beschäftigt sich intensiv mit neuen digitalen Werkzeugen.
Wenn diese Fähigkeiten zusammenkommen, kann Wissen in beide Richtungen weitergegeben werden.
Der erfahrene Mitarbeitende erklärt einen Produktionsablauf. Der jüngere Mitarbeitende zeigt eine neue digitale Anwendung.
Beide lernen voneinander.
Lernen hat keine Altersgrenze
Dabei wäre es falsch, ältere Beschäftigte ausschließlich als diejenigen zu betrachten, die Wissen weitergeben.
Auch sie müssen die Möglichkeit bekommen, Neues zu lernen.
Die OECD betont im Zusammenhang mit längeren Erwerbsbiografien ausdrücklich die Bedeutung von lebenslangem Lernen, gesunden Arbeitsbedingungen und altersinklusiven Unternehmenspraktiken. Diese Faktoren können dazu beitragen, dass Menschen länger erfolgreich am Arbeitsleben teilnehmen können.
Weiterbildung sollte deshalb nicht irgendwann aufhören, weil jemand vermeintlich „schon lange genug im Beruf“ ist.
Neue Technologien, digitale Prozesse und KI verändern Tätigkeiten unabhängig vom Alter.
Entscheidend ist nicht das Geburtsjahr.
Entscheidend ist die Möglichkeit und Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.
Vorurteile können Potenzial übersehen lassen
Trotzdem begegnen älteren Bewerber*innen noch immer Vorurteile.
Zu teuer. Weniger flexibel. Nicht digital genug. Kurz vor der Rente.
Solche pauschalen Annahmen werden der Realität kaum gerecht.
Ein 58-Jähriger kann technikbegeisterter sein als ein 25-Jähriger. Eine 62-Jährige kann einen beruflichen Neustart suchen. Und ein Mensch mit 30 Jahren Berufserfahrung kann genauso neugierig auf neue Aufgaben sein wie jemand am Beginn des Berufslebens.
Deshalb lohnt es sich bei Bewerbungen, genauer hinzusehen.
Nicht nur:
Wie alt ist jemand?
Sondern:
Was kann dieser Mensch? Welche Erfahrung bringt er mit? Und was möchte er noch lernen?
Wissen weitergeben, bevor es verloren geht
Altersgemischte Teams haben noch einen weiteren Vorteil. In den kommenden Jahren werden viele erfahrene Beschäftigte den Arbeitsmarkt altersbedingt verlassen. Mit ihnen kann wertvolles Wissen verschwinden, wenn es vorher nicht weitergegeben wird.
Dabei geht es häufig um Wissen, das in keinem Handbuch steht.
Welche Besonderheiten hat eine Maschine? Wie lässt sich ein bestimmtes Problem schnell lösen? Welche Abläufe haben sich über Jahre bewährt? Welche Fehler sollte man besser nicht zweimal machen?
Wenn unterschiedliche Generationen miteinander arbeiten, kann dieses Erfahrungswissen im Unternehmen bleiben.
Wissenstransfer sollte deshalb keine Aufgabe für die letzten drei Wochen vor dem Renteneintritt sein.
Er kann jeden Tag stattfinden.
Altersgemischte Teams brauchen gegenseitigen Respekt
Damit das gelingt, braucht es allerdings eine Kultur, in der niemand aufgrund seines Alters unterschätzt wird. Jüngere Beschäftigte möchten nicht ständig hören, dass ihnen die Erfahrung fehlt. Ältere Beschäftigte möchten nicht automatisch als unflexibel oder rückständig betrachtet werden.
Ein gutes Team entsteht dann, wenn unterschiedliche Stärken anerkannt werden und Menschen voneinander lernen können. Das bedeutet auch: Alter allein sagt erstaunlich wenig darüber aus, wie gut jemand zu einer Aufgabe passt.
Qualifikation, Motivation, Erfahrung, Lernbereitschaft und die persönlichen Rahmenbedingungen sind häufig wesentlich aussagekräftiger.
Die Arbeitswelt braucht alle Generationen
Der demografische Wandel macht die Frage nach älteren Beschäftigten zunehmend auch zu einer wirtschaftlichen Frage.
Die OECD weist darauf hin, dass die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen in Deutschland bereits deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt. Gleichzeitig seien Maßnahmen wie lebenslanges Lernen, gesunde Arbeitsplätze und inklusive Beschäftigungspraktiken wichtig, damit Menschen länger im Erwerbsleben bleiben können.
Dabei sollte es nicht darum gehen, Jung gegen Alt auszuspielen.
Unternehmen brauchen Berufseinsteiger, die neue Perspektiven mitbringen. Sie brauchen Menschen mitten im Berufsleben. Und sie brauchen erfahrene Beschäftigte, die über viele Jahre Wissen und Fähigkeiten aufgebaut haben.
Die interessantesten Teams können gerade dort entstehen, wo diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen.
Erfahrung kennt kein Ablaufdatum
Für die Arbeitswelt lässt sich daraus eine einfache Botschaft ableiten: Ein Geburtsdatum ist kein Kompetenznachweis – weder im positiven noch im negativen Sinne.
Menschen sollten die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten einzubringen, sich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren – unabhängig davon, ob sie 25, 45 oder 60 Jahre alt sind.
Denn eine moderne Arbeitswelt braucht nicht nur junge Talente.
Sie braucht Talente jeder Generation.
Quellen: Destatis – Erwerbstätigkeit älterer Menschen und OECD Beschäftigungsausblick 2025: Deutschland.

